Die neunzehnte Ausstellung: Ubbo Kügler

Das Einladungsbild für die Ausstellung von Heike Ubbo Kügler

AUF HALDE
Zeichnungen von Ubbo Kügler

Diese Ausstellung hat den Titel: Auf Halde, Zeichnungen – zwei Worte, die eine kurze Betrachtung verdienen.

Halden sind uns bekannt als Aufschüttungen, als Kohle- oder Müllberge, als Abraumhügel oder Überproduktionsansammlungen. Nichts von diesen Begrifflichkeiten trifft auf den vor uns liegenden Hügel zu und er folgt auch nicht den Gesetzen der Physik, diese „Halde“ entspricht nicht dem Schüttungswinkel von Kohle, Müll oder Erdreich, wie er gemeinhin ausschaut. Sie haben ein Bild einer Halde vor Augen, was nicht dem entspricht, was sie aus Ihrer Umwelt kennen. Vor Ihnen ist eine Skulptur, die aus Zeichnungen besteht und – ich unterstelle einmal – diese Zeichnungen entsprechen auch nicht dem Bild, welches Sie von Zeichnungen haben.

Zeichnungen sind Abbildungen von etwas, was uns als Linienwerk vor Augen gebracht wird. Diese Linien sind Spuren auf einem Untergrund und lassen uns in der Regel Umrisse, Formen oder Figuren erkennen. Meist ist das Zeichenwerkzeug ein Stift aus Kreide, Graphit oder Filz – eine Feder, die in Tusche oder Tinte getaucht, diese über einen Beschichtungsträger gleiten lässt. Der Beschichtungsträger ist uns überwiegend als Papier bekannt. Beim Zeichnen nimmt der Zeichner Einfluss auf die Materialien, mit denen er etwas visualisieren will, er setzt sowohl die Materialien als auch die Art und Weise der Visualisierung größtenteils bewusst ein. Wir dürfen festhalten, dass das Zeichnen ein bewusster Prozess der Wiedergabe der Wirklichkeit sein kann aber auch Phantasie- und Illusionsbilder visualisieren darf. Jahrhunderte lang war ein guter Zeichner derjenige, der die Natur perfekt wiedergeben konnte, denke Sie bitte an Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer oder Tomi Ungerer oder Horst Janssen und all diejenigen, die Comics oder Karrikaturen zeichnen. Und fast möchte ich wieder sagen: und nichts von dem sehen Sie hier. Und doch.

Der Künstler Ubbo Kügler öffnet uns die Augen für etwas, was sehr viel mit dem Prozess des Zeichnens zu tun hat, allerdings die üblichen Zeichenergebnisse hier nicht so zeigt, wie wir es gewohnt sind: Keine Zeichnungen auf hochwertigem Papier, signiert und präzise gerahmt. Das könnte er auch, aber er geht einen bedeutsamen Schritt weiter. Ehe wir diesen Schritt mitgehen, ein Zitat zu einer Ausstellung in der Galerie Brenner von 2005:

“Ubbo Küglerʼs Arbeiten sind Assoziationsnetzwerke. Seine Werke beginnen mit einer kleinen Zeichnung irgendwo in der Mitte des Bildes. Daran knüpft er assoziative Bilder, an die wiederum neue Zeichnungen gehängt werden. So entsteht über Wochen ein dichtes Geflecht aus kleinen, mi teinander verbundenen Zeichnungen. Oft überlagern sich mehrere Ebenen. Küglerʼs grossformatige Arbeiten verwirren auf den ersten Blick. Bei längerem Betrachten beginnen sich die einzelnen Bilder aus dem Zeichengewirr zu lösen und werden klar erkennbar. So erschließt sich das Werk nach und nach und gibt die Denk- und Bilderwelt des Künstlers frei . Seine Arbeiten regen dazu an, unbewusst abgespeicherte Informationsfluten und Bilder eines jeden Tages in das Bewusstsein zu transportieren und dort aufzulösen.“

Soweit das Zitat zu den Arbeiten von „früher“, wie Sie sie in dem Katalog sehen können und da sieht man, dass er ein excellenter Zeichner, ein genauer Beobachter und ein Zeichner ist, der sein Handwerk versteht. Jeder Strich sitzt, jede Proportion stimmt, jede Perspektive greift. Die Abbildung der Wirklichkeit gelingt in subjektiver Aussagestärke und treffsicherer Visualisierung – mit einem Wort: gekonnt.

Jetzt müssen wir den Schritt weiter gehen, wie ihn jeder Künstler geht, der sich weiter entwickelt, aus dem Beherrschten zu neuen Herausforderungen schreitet, die auf der abgesicherten Basis aufbauen. Sie haben mit mir die Basis im Auge, das heißt, Sie haben beim ersten Rundgang jenes kleine Foto an der Wand gesehen und erfahren nun, dass es sich um eine Zeichenarbeit von Ubbo Kügler handelt, die auf ca. 10m x 5m präsentiert wurde. Diese Größe lässt sich in angemessener Zeit kaum noch mit Bleistift oder Tuschefeder herstellen und so ist aus den Vorarbeiten, aus hunderten von Zeichenskizzen eine Zeichencollage entstanden, die dann vergrößert wurde und die Zeichenstriche sind aus Folie geschnitten. Aus dem dünnen Zeichenstrich wird eine Fläche, aus der zierlichen Hand eine Pranke, die Proportionen ändern sich und dadurch auch die Wirkung auf uns. Das überschaubare Kleine wird zum bedrohenden Gewaltigen.

Leider lässt der Raum der Galerie nur einen Ausschnitt zu und damit alles gezeigt werden kann, musste es „AUF Halde“. Genau so, wie wir wissen, dass auf der Kohlenhalde tausende Tonnen Kohle lagern, sehen wir nur die Oberfläche und können uns ein paar Stücke genauer ansehen; wir sind gezwungen aus der Fülle der Informationen unsere eigene Wirklichkeit heraus zu filtern.

Ich denke, dass in dieser Arbeit von Ubbo Kügler deutlich wird, dass wir gezwungen sind, uns zu beschränken, uns von der Flut der Einflüsse dadurch zu schützen, dass wir unsere eigene Wahrnehmung im Kontext mit der Umwelt hinterfragen und zu eigenen nachhaltigen Positionen kommen – eine Botschaft, die sicher nicht neu ist, aber uns herausfordert hinter die Oberfläche zu blicken und unsere eigene Geschichte zu sehen. Der Zeichner durchbricht die gewohnten Sehweisen und führt uns in eine komplexe Situation, deren Ordnung in unsere Bemühung gelegt wird. Unsere Freiheit gewinnt vor der üblichen Abfolge der Buchseiten im Comic oder der geplanten Rahmenhängung im Museum. Die Präsentationscollage, die Halde oder das Ausschnittbild, die Einzelzeichnungen, sie alle sind vorgegeben, nicht die Botschaft, die uns erreichen soll. Unsere subjektive Wahrnehmung lässt die Zeichnungen zur Geschichte im eigenen Kopf reifen – wir werden zu unserem eigenen Geschichtenerzähler und können unsere Wahrnehmung und die daraus entstandenen Erkenntnisse diskutieren.

Die Zeichnung beflügelt uns zu neuen Wahrnehmungsfolgen und hier sei ein Verweis auf die großen Zeichner und genauen Beobachter der Renaissance und folgender Epochen erlaubt: was hat Leonardo alles sichtbar gemacht und wie ist es Dürer gelungen, in einer einzigen Zeichnung – denken wir an die Apokalyptischen Reiter – ein Weltbild ein zu fangen, welches in den Details mühsam erschlossen werden musste, weil fast jedes Detail seine spezifische Ausdrucksstärke hat.

Zum Schluss gestatten Sie mir noch den knappen Hinweis auf die gerahmten Blätter: verschieden farbige Linien füllen ein Blatt. Schicht über Schicht wird ein Farbstrich über den anderen gezeichnet? gemalt? so dass eine Flächen füllende geschlossene Farbkomposition entsteht. Wenn Sie zu diesen neuen Arbeiten Fragen haben, Ubbo Kügler steht Ihnen gerne Rede und Antwort. Lieber Ubbo, ich danke Dir ganz herzlich für die Bereitschaft hier aus zu stellen, zu mal, wenn man bedenkt, wo Du schon ausgestellt hast: Marta-Herford, Museum Bochum, Von der Heydt Wuppertal, Galerie Brenner Düsseldorf, Galerie Röhr Osnabrück, Kunsthalle Wilhelmshaven … um nur eine Auswahl zu nennen.

Essen, den 28.09.2012      Ateliergalerie AUF       Fenger