Die dreiunddreißigste Ausstellung: Brigitte Jacobs

AUFsuchen
Weder ein Substantiv noch ein konkreter Gegenstand betitelt die Ausstellung der Künstlerin Brigitte Jacobs, sondern ein Verb. Dieses Verb beschreibt einen Prozess, eine Tätigkeit, ja, eine zutiefst menschliche Tätigkeit und Bewegung. Spüren wir der Bedeutung des Wortes aufsuchen nach: Wenn ich etwas oder jemanden aufsuche, dann bewege ich mich zielgerichtet auf einen Ort oder einen Menschen zu, habe eine Vorstellung von dem, was ich finden möchte. Zudem geht es beim aufsuchen immer auch um eine Begegnung, eine Konfrontation und Kommunikation, wenn ich jemanden aufsuche, dann habe ich eine Intention, ein Anliegen.
Was sucht die Künstlerin Brigitte Jacobs auf?
Gegenstand der bildnerischen Auseinandersetzung ist immer die Natur in ihren unterschiedlichsten Erscheinungen. Sie sucht in der Landschaft, im Garten, in der Natur, im Bild selbst.
Tatsächlich sucht sie ein Bild, welches einen neuen und tieferen Einblick in die Zusammenhänge und das Wesen ihrer Bildgegenstände offenbart. Im aufsuchenden Gestalten bewegt sie sich in die Tiefe eines Gegenstandes, tastet ihn ab. Sie tastet und sucht mit dem Auge, mit den Sinnen, mit den Gestaltungsmitteln an sich. Die Acrylfarbe wird lasierend aufgetragen. Durch verschiedene dünne Schichten auf einer zunächst strukturierten Grundfläche entsteht ein positiv-negatives Bildgefüge, zunächst Hintergründiges rückt in den Vordergrund, Nebensächliches wird Hauptakteur des Bildspiels. Acrylfarbe oder Collage werden zu Mitteln, zu Forschungsinstrumenten. Die Bildfläche wird zum Ort der wahrnehmenden Auseinandersetzung.
Zu diesem Aufsuchen gehören konkrete Tätigkeiten wie das Beobachten der Naturgegenstände, z.B. der Strukturen der Rinde, den Verwachsungen und Verflechtungen von Gestrüpp, den Spiegelungen einer Uferlandschaft auf der Wasseroberfläche, des Spiels von Licht und Schatten. Es gehört dazu, ganz nahe an einen Gegenstand heranzugehen, ihn mit allen Sinnen zu erfassen, ihn zu begreifen, von allen Seiten zu umwerben; ja, sprichwörtlich mit ihm zu flirten, bis er sich einem offenbart, etwas von seinem Innersten preisgibt. Die Oberfläche wird durchbrochen, Tiefergründiges kommt zum Vorschein.

Paul Cezanne hat in seinem Zitat: „Die Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur“ eine Haltung zum Ausdruck gebracht, welche auch die Bilder von Brigitte Jacobs zutiefst prägt. Sie bildet Gegenstände und Erscheinungen der Natur nicht ab, sondert „erfindet“ in ihren Bildern Harmonien und Sichtweisen, die den Gesetzmäßigkeiten der Natur entsprechen und diese widerspiegeln, an sich aber neue Schöpfungen
sind. Im künstlerischen Gestalten sucht sie diese neuen Schöpfungen quasi „auf“, spürt ihnen nach, bringt sie im Bild erst zum Vorschein.
Das künstlerische Tun ist ein offener Prozess, genauso offen die Kompositionen und die Gesamtauswahl der entstehenden Bilder. Jedes Bild ist eine Einladung an den Betrachter, selbst zum Aufsuchenden zu werden, sich in die Sichtweisen der Künstlerin mit hinein nehmen zu lassen, dem Verborgenen selber nachzuspüren.