Die einundvierzigste Ausstellung: Norbert Pielsticker

AUFbrechen

Der Bildhauer Norbert Pielsticker stellt zum wiederholten Male in der Galerie AUF aus. Waren es bei der letzten Ausstellung überwiegend plastische Arbeiten – seine MENSCHENBILDER in verschiedenen künstlerischen Bearbeitungen, teils streng, teils modelliert und phantasievoll variiert, verziert, appliziert oder organisch strukturiert, so sind in der heutigen Präsentation neue, meist malerische Arbeiten zu sehen. Schattenspielereien, die optische Täuschungen zulassen oder Materialillusionen, die an Samt, Stein, Nebel oder phantastische Architektur erinnern können. Allen Arbeiten ist die typische Formensprache des Künstlers anzusehen, Anlehnungen an die MENSCHENBILDER sind unverkennbar.

Pielsticker bleibt seit Jahren seinem unverkennbaren Stil treu, zeigt aber bei jeder neuen Arbeit eine, über die Variation hinausgehende, weitere Bereicherung der Wahrnehmungen auf. Am  Beispiel  der  Einladungskarte wird sein  Hauptthema  in einen aktuellen politischen Bezug gesetzt: die plastische Arbeit zeigt eine strenge Formensprache. Das schmale Boot in Verbindung mit den MENSCHENBILDERN ist gestrandet, zerbrochen, die Menschen liegen äußerlich und –ganz sicher auch innerlich- gebrochen da und wir können nicht von den afrikanischen Flüchtlingen wegdenken. Im Grau-blau von Meer, Strand, Stein, Beton, Mauer, Haus spielt sich eine menschliche Tragödie ab, die hier in eine einfache formale Aussage „betoniert“ wurde. Und mit dieser Arbeit pointiert der Künstler seine zu tiefst menschliche Position, die in früheren Arbeiten oft auch religiöse Züge hatte. Viele Aufträge hat er für den öffentlichen Raum geschaffen und meist waren – neben religiösen Themen – Menschlichkeit und Menschenwürde thematisch verarbeitet. Ganz anders in den neuen „Schattenbildern“, die immer noch eine gewisse Spiritualität beinhalten, aber in ihrem Dialog mit uns als Betrachter eine weltoffene Sprache sprechen.

Licht und Schatten sind ein Wesensmerkmal der bildhauerischen Kunst; immer spielt neben den rein formalen und proportionalen, anatomischen und materialgegebenen Elementen das Licht eine dominierende Rolle. Körperhaftigkeit ist ohne Licht, ohne besondere Beleuchtung, nur unzureichend erkennbar. Und das, was in der Skulptur die „handwerkliche Ausformung“ darstellt ist in der Malerei der Umgang mit feinsten Helligkeitsunterschieden bzw. Farbnuancen. Diese malerischen Eigenschaften zeigt der Künstler in seinen neuen Arbeiten anschaulich auf: feinste Farbnebel bestimmen das Spiel der Räumlichkeit und zeigen eine Illusionswelt auf, die uns zunächst vor Rätsel stellt, dann aber aufgelöst werden kann durch die Technik von Knittern und Spritzpistole.

Ein letzter Blick sollte uns auf die unterschiedlichen Materialien gestattet sein, die Norbert Pielsticker beherrscht: ob auftragende Ton- oder abtragende Meißel Arbeit, ob Bronzeguss oder Holzbearbeitung, ob Applikation mit Blei, Textil oder, Kunststoff Schweißen von Eisen und Stahl – der Künstler ist in den meisten künstlerisch plastischen Techniken zu Hause und weitet seine Arbeit auf den Abdruck, die Beschichtung oder Spritztechnik aus; Zeichnung und Malerei haben inzwischen – so mein Eindruck- verstärkt an Bedeutung gewonnen und werden uns weitere interessante, spannende und authentische Einblicke in seine kreative Arbeit  geben.

Die vierzigste Ausstellung: Erika Buck

AUFgerollt und AUFbewahrt
der Titel der heutigen Ausstellung, sollte nicht missverstanden werden. Es geht nicht um einpacken und weglegen, sondern viel mehr um einen dynamischen Prozess, der, einmal mit „rollen, vorwärtskommen, fortschreiten, weiterentwickeln“ beschrieben werden kann und 2. mit „Bewahren“, jene wichtigen Kulturleistungen meinen kann, wenn wir Dinge „in Ehren halten“, nicht verfallen lassen, Bewährtes pflegen oder in neuen Zusammenhängen weiterverarbeiten.

So finden Sie in den künstlerischen Exponaten Collagen, Objekte oder Malereien bzw. Zeichnungen, die sich mit der Verfremdung bzw. Weiterentwicklung von Vorgegebenem auseinander setzen oder neue – gegenständliche und nicht-gegenständliche – Elemente zusammenbringt. Das stetige Weiterkommen, Weiterentwickeln, Variieren oder Verändern ist Motor der künstlerischen Entwicklung, die bewusst auch die figurative Auseinandersetzung sucht und oft kalligrafische Elemente, Materialmix, Objekte oder Malerei sowie Illustration zu spannenden Kompositionen zwischen Linie und Fläche, Farbe und Form in kreative Ausdrucksform sucht. Die Aktivierung unserer Sinne wird, an der Grenze zum Abstrakten, in intuitiver, spontaner, dynamischer Manier gesucht und variationsreich reflektiert ausgestaltet, wobei fast alle Möglichkeiten der Flächenbearbeitung genutzt werden: Verdichtungen, Überdeckungen, deckende oder lasierende Oberflächenbehandlung, Übermalung bzw. Überklebungen, pastös-reliefartige Schichtungen, Ausschabungen, malerische, zeichnerisch-malerische oder collagierten Ansätze von Gegenständlichem, konkrete, diffuse oder assoziative Formensprache und Verschriftlichungen, die sowohl Textpassagen als auch intuitive Zeichensprache sein können.
Selbstverständlich ist das Visualisierte im Rahmen begrenzt, aber die Bildelemente wollen den Rahmen sprengen und ein Eigenleben außerhalb der Begrenzung führen; das Dargestellte tritt mit dem Betrachter in eine Kommunikation, die – ähnlich dem Informell – subjektive Sichtweisen will und somit zur Kommunikation mit dem Betrachter einlädt. Nur wenige Arbeiten sind eindeutig zu lesen und der erzählerische Aspekt des Dargestellten überwiegt und somit ist auch das Bild außerhalb des Rahmens als visueller Reiz zu sehen und beschäftigt die visuelle Vorstellungskraft des Betrachters.
Lassen Sie sich von kreativer Bildgestaltung, kalligrafischen „Würfen“ sowie Farb-, Form- und Materialharmonie begeistern. Die Künstlerin ist anwesend.

Uje Fenger 05/2015