Sarah Missal

Zur Ausstellung Sarah Missal · AUFGEBOHRT:

Aufgebohrt – ein Wort das viele Assoziationen hervor ruft, vielleicht wird das Türschloss aufgebohrt hinter dem ein Bernsteinzimmer ist oder ein besonderer Schatz im Tresor liegt, oder … Sie haben sicher selbst ein Bild vor Augen. Bei den hier ausgestellten Bildern von Sarah Missal ist auch die Bohrmaschine im Einsatz gewesen und nicht – wie man vermuten könnte, die Oberfräse, die per computergesteuerter Vorgabe die handwerkliche Arbeit ersetzt. Trotz der präzisen Wiedergabe des Motivs ist mit unterschiedlicher Größe und Tiefe des Bohrers eine Rastervergrößerung bzw. Abbildung fotografisch genau zu sehen – Sie müssen nur den richtigen Abstand finden. Je näher sie dem Kunstobjekt kommen, um so deutlicher ist der persönliche Duktus „in jedem Bohrloch“ zu sehen. Die Holzplatte bildet die Leinwand bzw. den Mal- besser, Arbeitsgrund, der Bohrer ist der Pinsel, das Werkzeug – eine innovative Vertauschung der Künstlerin.

Die Punkte Verteilung ist wie ein Rasterdruck Motiv bildend und zeigt –hier- eine Birke. Naturholz Abbildung auf Holzplatte, Vollholz auf Holzwerkstoffplatte, lebendige Natur auf Industrieproduktion, Jahresring ähnliche Schichtung der zusammengeklebten und durch Druck in Platten gepressten Furnierblätter mit den – in unserem Bewusstsein vorhandenen – Jahreswachstumsringen. Natur trifft auf die verarbeitete Natur.

Löcher, sicherlich positiv, wenn man an das ausgehobene Pflanzloch oder das Durchbohren von zwei Platten denkt, die mit einer Schraube oder Niete zusammen gehalten werden sollen; oft aber auch negativ, unangenehme bis peinliche Auffälligkeiten in der Kleidung, bei Eisenrost oder als Schlagloch im Straßenbelag; oder als Loch im Kopf bzw. im Gedächtnis. Löcher treten hier als bewusstes Gestaltungsprinzip auf, Rasterung als Motivwiedergabe. Darüber hinaus sind Löcher Verletzungen in einer Oberfläche, die eher nicht als ästhetische Bereicherung dienen. In diesem Zusammenhang darf eine Parallele zu Lugio Fontana gezogen werden, der sowohl durchlöcherte als auch aufgeritzte bzw. aufgeschnittene Leinwände als Ausdrucksmittel seiner Botschaft nutzt, als “Neunutzung” des Malgrundes, als Mittel der Provokation, weitgehend zeitgleich mit Yves Klein’s „monochromer Malerei“, beides wurde damals, 50er/60er Jahre, als „Ende der herkömmlichen Malerei“ gesehen, was sich allerdings nicht bewahrheitet hat. Dennoch darf für Fontana das gestalterische Prinzip der Zerstörung als Ausdruck gesehen werden, während bei Sarah Missal die Zerstörung der polierten Holzplatten Oberfläche zwar zerstört wird, aber eine neue Wertigkeit durch die Motivgebung erzeugt wird und durch die handwerkliche Arbeit einen bestimmten Duktus, eine Handschrift erfährt. Insbesondere in den scheinbar „unsauberen” Bohrungen ist diese „Handschrift“ zu verorten und gibt der Darstellung Persönlichkeit. Anders als bei jenen Industriedrucken auf Arbeitsplatten und sonstigen „schicken“ Oberflächen, steht hier die „von Loch zu Loch“ bewusst eingesetzte künstlerische Handarbeit gegen CNC-Technologie. Frau Missal kommt aus einem Beruf, wo die Handarbeit eine Form bildende Bedeutung hat, zumindest hatte, so lange es den Plotter noch nicht gab: Schriften schneiden als Schilder- und Lichtreklame Herstellerin ist eine höchst präzise, und auf den Millimeter genaue Arbeit, denken Sie nur an die Buchstaben, die in Balkenstärke, Begrenzung und Buchstabenausgleich auf Werbeplatten, Fahrzeugen etc. in unseren Blick fallen. Oberflächen, Drucktechnik, Farbgestaltung sind vertraute Berufsanforderungen, die hier – künstlerisch innovativ eingesetzt sind und eine reliefartige Oberflächengestaltung zeigen, die wir – großzügig – als MALEREI bezeichnen dürfen? Anders als bei der farbigen Malerei, auch des pastösen, reliefartigen, gespachtelten Farbauftrags, die unser Auge kennt, haben wir es hier statt mit einer aufbauenden, mit einer abtragenden Methode zu tun. Zum anderen fehlt die bewusst eingesetzte Farbe, wenn wir von der Grundfläche einmal absehen – hier könnte eine Erweiterung der Arbeit stattfinden.

Durch ausbohren entstehen bildhafte Objekte, die anders als beim Holz- oder Linolschnitt nicht als Druckform für einen Abzug dienen, sondern selbst Bildträger werden. Das Wechselspiel von abgetragener und stehen gebliebener Form ist Motiv bildend. Somit sind sowohl die visuellen Wahrnehmungen bedeutend als auch die haptische Erfahrung möglich. Ähnlich einer Blindenschrift ist das Motiv tastbar und erschließt sich so einer weiteren Sinneswahrnehmung – wir können das Kunstwerk besser begreifen, obwohl es aus einer bestimmten Distanz klar erkennbar ist. Der optische Eindruck und die haptische Erfahrung spielen zusammen und die aufgerasterte fotografische Genauigkeit in der Wiedergabe der Wirklichkeit und materialgerechten Bearbeitung spielen zu einem neuen Bilderlebnis zusammen. Was bei der Holzbearbeitung üblicher Weise fertiges Objekt als Relief oder Ornament im Möbelbau ist, ist auch hier Träger der künstlerischen-gestalterischen Botschaft.

Sind die Arbeiten schon Plastik oder noch “Malerei”? Betrachtet man die ausgestellten Werke genau, so stellt man fest, dass die Arbeiten im Detail mehr sind als eine Fläche mit unterschiedlich großen und tiefen Löchern. In der Struktur des dargestellten Baumes erkennen wir Birke, Birkenrinde und wir wissen, dass Holz in Schichten wächst. Diese Schichten kennen wir als Jahresringe, die im Querschnitt deutlich sichtbar werden; beschäftigt man sich weiter mit der Holzbeschaffenheit und der Holzverarbeitung, so stellen wir weiter fest, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Vollholz und Holzwerkstoffen/Plattenwerkstoffen gibt. Das edle Vollholz für die Möbelindustrie, die Furniere für wertvolle Oberflächen auf Holzplatten-Werkstoffen und jene “minderwertigen” reinen Holzplatten, die sich erheblich unterscheiden können: Holzfaserplatte, Spanplatte, Tischlerplatte usw. Im vorliegendem Fall handelt es sich um Schichtholzplatten, auch Multiplex genannt, die die Maserung des Vollholzes imitieren, weil sie aus “Furnieren” bestehen. Auf einer Holzwerkstoffplatte ist die Abbildung des Vollholzes: der Baum wird auf einem Industrieprodukt aus seinen Bestandteilen abgebildet. Das sollte einen nachdenklich machen. Ich sehe in diesem künstlerischen Prozess eine bewusste Verdeutlichung von Natur und dem, was wir daraus machen; wenn Sie wollen auch einen Appell, den jeder für sich bewerten sollte. Was ist hinter der Oberfläche der Bilder, die wir wahrnehmen? Unsere Phantasie, unser Erfahrungssehen oder etwas ganz anderes? Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Frau Missal, dass Sie uns – so zu sagen –schichtenweise in ihrer Arbeit versinken lässt.

Essen, 16.03.2012 Uje Fenger, Galerie AUF