Verena Wagner

Das Einladungsbild für die Ausstellung von Verena Wagner

Zur Ausstellung Verena Wagner · AUF! DEM WEG:

Herzlich Willkommen zur Ausstellung.
Bevor ich zu ein paar Arbeiten von Frau Wagner Stellung nehme, darf ich Ihnen einige Positionen aus ihrem künstlerischen Werdegang nennen. Nach dem Abitur kam eine Zeit der Praxiserfahrung, bei der die Malerei einen großen Stellenwert bekam: Die TUP (Theater und Philharmonie) Essen ermöglichte ihr eine Ausbildung zur Theatermalerin und der Malsaal wurde ihr zweites Zuhause. Unter sachkundiger Anleitung der Malsaalvorstände und Kolleginnen und Kollegen erlernte die Auszubildende die Reproduktion von Vorgegebenen, die Imitation von Materialien mit malerischen Mittel und die Illusionsmalerei; ein Handwerk, das auf den ersten Blick schnell an die uns bekannten Berufsinhalte von Malern und Lackierern angenähert wird. Aber das Theater verlangt viel mehr, da muss stückunterstützende Kulisse gemalt werden, da muss Wirkung und Ausdruck präzise wieder gegeben werden, da müssen Stimmungen erzeugt werden, die mit Farbe und Licht zu tun haben und der Darstellung einen besonderen Raum geben, Dramaturgie unterstützen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen kurzen Weg in die Anforderungen an Malerei wagen, der insbesondere damit zu tun haben muss, dass wir die Wiedergabe der Wirklichkeit als einen Jahrhunderte – vielleicht Jahrtausende – langen Prozess sehen sollten, in dem der Mensch versucht hat mit der Abbildung der Natur auf der Fläche zur Perfektion zu kommen. Was finden wir vor? In unsere Umwelt ist differenzierter Farbigkeit zu sehen, Räumlichkeit und Perspektive müssen erkannt und auf der Fläche wiedergegeben werden, Helligkeit und Schatten, Material, Struktur und Oberflächenbeschaffenheit wollen umgesetzt werden. Ein Bildausschnitt der uns umgebenden Realität sollte gefunden werden und eine Komposition sollte die Abbildung in angemessener Ausdrucksstärke und Harmonie zeigen. Linien und Blickführungen, Bewegung und Zeit sollten eingefangen werden und uns einen vortrefflichen Ausschnitt zeigen, der sicherlich durch Format und Technik mitbestimmt werden kann. Kurzum sehen wir vor uns eine höchst komplexe Aufgabe und ein jeder/eine jede von uns fühlt die Probleme, die mit der malerischen Wiedergabe in der Malerei als gekonntes Abbild verbunden sind. Nun können wir uns ein gutes Stück zurückziehen, weil seit der Renaissance die Maler (nur wenige Malerinnen) erstaunliches genau in diesem Bereich geleistet haben, denken Sie nur an die Stilllebenmalerei, die Portraitmalerei oder die Darstellung von Tieren, Pflanzen und Landschaften an Architektur – ich denke, dieser kurze Exkurs sensibilisiert für die Herausforderungen, denen sich Malerei als Abbildung der Umwelt stellen muss.

Die „akademische“ Malerausbildung verlangt das Studium der „alten Meister“ ebenso wie die Durchdringung der technologischen und technischen Möglichkeiten: Farbe als Beschichtungsmittel bestehend aus Pigmenten, Bindemitteln und Lösungsmittel und u.U. weiteren Stoffen und dem Malgrund. Diesem Prozess hat sich Verena Wagner einmal im Malsaal und jetzt im Studium an der Bergischen Universität Wuppertal gestellt und die hier gezeigten Ergebnisse machen deutlich, dass eine solide Beherrschung der oben erwähnten Kriterien vorliegen: Frau Wagner versteht ihr Handwerk und geht jetzt über diese Ebene hinaus, wenn sie die subjektive Ausdrucksmöglichkeit sucht. Hier darf ich eine Parallele ziehen zu jenem weltbekannten, fast achtzigjährigen Maler Gerhard Richter; Richter hat um 1950 eine Ausbildung als Bühnen- und Werbemaler gemacht und ist dann an der Kunstakademie in Dresden angenommen worden, wo er sein Diplom gemacht hat. In dem Alter, in dem Verena ist floh Richter in den Westen und den weiteren Aufstieg kennen Sie – Frau Wagner hat – gemessen an diesem Vorbild, noch eine interessante Zukunft vor sich (hier in dem Bild sehen Sie eine kleine Anlehnung an Richter, wie er heute malt: z.B.: Rakeltechnik über naturnaher Abbildung). Aber es geht nicht um Richter – es geht um den Schritt, den die Künstlerin, vielleicht hier und da durch „Vorbilder“ animiert, von der Theatermalerei weg zur künstlerischen Aussage geht.

Hier in der Ausstellung sind zunächst die Aktstudien zu nennen, die mit leichtem Pinselstrich in verhaltener Verdichtung den weiblichen Körper in einer Skizzen haften Wiedergabe zeigen. Gefällig sind der Strich, der Duktus und die Komposition auf der Fläche: viel Weiß schafft Raum und lässt die Person akzentuiert hervortreten, Hell-Dunkel gibt Körperhaftigkeit und die eingefangene Bewegung unterstütz die Flüchtigkeit des Augenblicks. Im schwarz-weiß Kontrast werden die äußere Form und das innere Volumen sichtbar, offene Linien verbinden Figur und Grund. Mehr Dichte haben dagegen die farbigen – meist blau oder grünen – Tuschskizzen, die die Körperhaftigkeit stärker durch schattenähnliche Farbflächen betonen, zum Teil sogar bewusst mit dem Malgrund verschwimmen lassen. Hell-Dunkel, Licht und Schatten bilden Körper, die lebendig agieren; das Blattformat wird viel stärker „gefüllt“ und damit ausgenutzt als bei den anderen Arbeiten, die den Umgebungsraum nicht gestalten. Der Schritt von der Tuscheskizzen zum Aquarellbild wird in der Auswahl der Format füllenden Augen deutlich. Nicht das schön geschminkte oder hellwache Auge wird abgebildet, sondern Augen voller Tränen, geplatzten Blutäderchen oder in anderer Weise belasteten “Momentaufnahmen“ des – vielleicht kann man sagen – beschädigten Auges. Hier ist sicher ein Vergleich mit den malerischen Arbeiten – meist Ölmalerei – von Annedore Dietze erlaubt. Dietze zeigt in ihren Bildern vielfach „zerschlagene Haut von Boxern“, flüchtige Grimassen von Kämpfern oder blutunterlaufene Körperflächen. Ebenenfalls bei Dietze finden wir verwischte Bewegung, Schlagwege der Boxer und unscharfe Bewegungsstudien von Hunden oder Studien vom Pferde- bzw. Windhunderennen. So gelingt der Schritt von der statischen Wiedergabe der Umwelt zur bewegten Szene und Erinnerungen an andere Werke aus der Malerei könnten herangezogen werden, wo Verwischen, Unschärfe oder Bildfolgen/Wiederholungen verdeutlicht werden (sowohl bei Annedore Dietze, Richter, Kandinsky, Dali u.a.). Die Drehung eines Kopfes, wie sie hier dargestellt ist, macht diese Maltechnik anschaulich deutlich. Hierzu kann die Künstlerin besser selbst etwas sagen, wenn Sie die Maltechnik weiter interessieren sollte.

Die Aufmerksamkeit, die der/die Künstler/in seiner/ihrer Umgebung gibt bzw. welche sinnlichen Wahrnehmungen er/sie verarbeitet ist an dieser Stelle sicher nicht zu thematisieren, wohl aber dürfen wir als Betrachter über das, was wir wahrnehmen, was wir angeboten bekommen, nachdenken – ja müssen wir nachdenken. Die Botschaft, die Intention oder das Konzept ist es ja gerade, was uns an die Kunst herantreten lässt und wo – zumindest ein Aspekt künstlerischen Schaffens – gesehen werden muss, ob wir nun vor der subjektiven oder objektiven Wiedergabe der Wirklichkeit stehen oder mit Abstraktion oder Stilisierung konfrontiert werden. Was bildet der/die Künstler/in ab, welche Situation wird gezeigt, welche Aktivierung der Sinne findet statt oder wie wird etwas aus der “üblichen” Wahrnehmung heraus gehoben? Provokation, Zerstörung, Wiederholung, Vertauschung usw – alle Prinzipien der Gestaltung sind erlaubt, wenn eine Botschaft da ist und nicht die oberflächliche Dekoration, der Kitsch oder dilettantische Flächenfüllung.

Ich lade Sie ein, untereinander, mit der Künstlerin und/oder mit den dargestellten Motiven in einen Dialog zu treten. Vielen Dank!
Essen, 13.01.2012 Uje Fenger, Galerie AUF