Wili Schulenberg

Das Einladungsbild für die Ausstellung von Wili Schulenberg

Zur Ausstellung Wili Schulenberg · NAHRUNG AUF KONFRONTATION:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Galerie AUF
Ich freue mich sehr, dass Sie so zahlreich zur Ausstellungseröffnung von Wili Schulenberg · NAHRUNG AUF KONFRONTATION gekommen sind, eine Ausstellung, die wir schon im Frühjahr 2011 durchführen wollten – leider erkrankte der Künstler schwer und verstarb im März des vergangenen Jahres.

Um so erfreulicher ist es, dass Renate Schulenberg an dem Vorhaben festhielt, die Arbeiten zu zeigen, herzlichen Dank. Ein besonderer Dank gilt auch Arne Schulenberg, der in der väterlichen Werbeagentur Verantwortung übernommen hat und neben seinen sonstigen gestalterischen Aktivitäten das künstlerische Erbe seines Vaters pflegt, dass an der Folkwang Werkkunstschule der Stadt Essen in den 1960er Jahren einen Anfang genommen hat. Aus dieser Zeit hat sich eine Studierendengruppe erhalten, die bis heute durch kontinuierlichen freundschaftlichen Kontakt zusammen geblieben ist und bei der Realisierung dieser Ausstellung ermunternde Aktivitäten entwickelt hat; insbesondere darf ich hier Ursula Hein-Heusen nennen, der ein besonderer Dank gilt.

Das Thema der Ausstellung zeigt das Anliegen, das Wili Schulenberg in seiner künstlerischen Arbeit pointiert heraus gestellt hat: Was essen wir, wie wird das Essen erzeugt und zubereitet, woher kommt es?
Ich will versuchen einige Aspekte des Ausstellungsthemas und der Exponate des Künstlers heraus zu stellen, ohne eine Antwort auf die oben genannten Fragen direkt geben zu wollen. Das würde zu weit von der Visualisierung der Botschaft wegführen und daher verzichte ich auch weitgehend auf all jene Bereiche, die heute mit der Nahrungsproblematik gerne gesehen werden wollten: Globalisierung, fairer Handel, gesunde Ernährung, artgerechte Tierhaltung usw. sowie die Durchdringung der Frage, in wie weit Nahrung als Mittel der Identitätsfindung, der ideologischen Positionierung oder mit Prinzipien des Tierschutzes, der industriellen Produktion der Massentierhaltung oder Medikamentenzugabe zum Futter gesehen werden kann.

Die hier gezeigten Fotografien von Nahrungsmitteln, Nahrungszubereitung und Nahrungsresten zeigt als künstlerische Auseinandersetzung einige Aspekte, die durch einen kleinen Blick in die Vergangenheit, Bedeutung gewinnen können. Nahrungsmittel spielen in der Kunst seit der Antike eine zentrale Bedeutung im Prozess der naturgetreuen Widergabe der Wirklichkeit und die Aktivierung der Sinne zu beflügeln. in dem Bemühen, für die bedeutenden Dinge, die für die menschliche Existenz notwendig sind, Sinn und Verantwortung zu entwickeln und Schönheitsidealen nach zu eifern engagierten sich Kunstschaffende in vielfältiger Weise.

An einigen Beispielen lässt sich beobachten, wie das Streben des Menschen und insbesondere der Künstler geprägt war von dem Streben nach Vollkommenheit, die es im alltäglichen Leben scheinbar nicht zu erreichen möglich war. Die bildende und darstellende Kunst bot eine Bühne, auf der diese Ziele erreichbar schienen. Die Malerei der Trauben, wie sie Xeuxis vorgelegt hat, hatte eine malerische Qualität, die täuschend echt die Realität wiedergab, so dass die Vögel des Himmels versuchten die Trauben zu picken. Ein weiterer höchst interessanter und begnadeter Maler war Arcimboldo, der im 16. Jhrd. Früchte und andere Naturprodukte perfekt abzumalen in der Lage war. Er begeistert bis heute mit seiner „Portrait Malerei“ Museumsbesucher; von ihm ist beispielhaft für die Ausstellung von Wili Schulenberg das Bild „Der Koch“, in dem Ferkel im Topf so zum Kochen arrangiert garen, dass sie im Umkehrbild aus eben diesen Nahrungsmittel das Abbild des Kochs zeigen zu nennen.

Unter anderen Schwerpunkten ist unbedingt die Stilllebenmalerei des 17. Und 18. Jhrd. zu nennen, und durch Künstler wie Breughel, … repräsentiert wurde und bis in unsere Zeit wirkt. Denken Sie daher auch an Paul Cezanne, Picasso oder Matisse. Die „moderne“ Form zeigt sich in Arbeiten der „EAT ART“ eines Daniel Spoerri, bei Joseph Beuys oder Andy Warhol, wenn gleich bei letzterem auch die industrielle Fertigung von Nahrung thematisiert wird, wenn er eine Tomatensuppe-Konservendose im Siebdruck zeigt. Es hat sich ein enormer Wandel in der künstlerischen Ausdrucks Möglichkeit vollzogen: von der Malerei zur Installation, zum ready made und Happening zu Fluxus und Eat Art, bei der die Reste üppiger Mahlzeiten mit allem, was am Ende auf dem Tisch blieb“ konserviert“, befestigt und als Kunstwerk „an die Wand“ gehängt wurde (Spoerri). Bei Beuys sind es die Energie spendenden Fettecken und Warhol wurde oben schon beschrieben.

Ganz anders bei Wili Schulenberg – bei ihm steht der ganzheitliche Ansatz im Abbild der Nahrungszubereitung im Vordergrund: „Zu wissen, was auf den Tisch kommt“ ist eine seinen griffigen Aussagen gewesen. Der Künstler konfrontiert uns mit Ehrfurcht mit der Gesamtheit der kulinarischen Bedürfnisbefriedigung; Einkauf, Zubereitung, Verzehr als authentischem, natürlichen Prozess unter Beachtung der den Dingen (Nahrungsmitteln) innewohnenden ästhetischen und gestalterischen Einmaligkeiten. Das Herausstellen der Formen- und Farbensprachen, der Strukturen und Texturen, der Konsistenz und Zellgebilde – all das, was eben an besonderen Einzigartigkeiten den Nahrungsmittel innewohnt soll der Betrachter in Großaufnahme wahrnehmen. Bei seinen Fotos entscheidet er sich gegen das Fischstäbchen zu Gunsten der Sardine, die mit Kopf, Haut, Schwanz und Innereien vom Markt auf das Schneidebrett kommt und in der Pfanne gebraten wird. Das Essbare wird verzehrt und die ungenießbaren „Abfälle“ bleiben am Tellerrand bzw. werden entsorgt. Mit fast brutaler Ehrlichkeit nehmen wir am Zerschneiden, Ausnehmen und Panieren im Bewusstsein des späteren Genießens teil.

Das Prinzip Zeit oder Vergänglichkeit ist ebenso gegenwärtig wie das der Veränderbarkeit oder auch nuancenreichen Ähnlichkeit der Arten in der Serie, die in verschiedenen Kompositionen zu neuen Ausdrucksformen findet und zu immer neuen Entdeckungen im Bild führt. In diesem Zusammenhang kann Andy Goldsworthy genannt werden, der in ideenreichen phantastischen Naturarrangements ähnlich sensibel in die Natur ordnend eingreift, wie wir es bei Wili Schulenberg entdecken können. Beide nutzen die natürlichen Vorlagen für ihre Arrangements und halten Gestaltungsmomente bzw. Endprodukte des Prozesses fest. Die Schönheit der Natur wird in einem bestimmten – meist selbst komponierten – Augenblick festgehalten, bevor sie in eine neue Form oder in einen neuen Zustand übergeht; nicht das Objekt als solches bleibt als Kunstwerk erhalten – wie bei Spoerris Tischen – sondern die Abbildung des Objektes in einem bestimmten Moment seiner Dinghaftigkeit. Durch das Festhalten des augenblicklichen Zustandes wird das Objekt pointiert in unsere Wahrnehmung gestellt, wir werden mit diesem Augenblick konfrontiert und haben Zeit Erkenntnisse zu gewinnen. Die Flüchtigkeit des Jetzt wird ersetzt durch das fotografische Festhalten, die Momentaufnahme, ähnlich einem Dokumentarfoto und erschließt sich so der eingehenden Betrachtung und Analyse. Das, was wir im Prozess der aktiven Nahrungszubereitung vielleicht übersehen oder gar nicht wahrnehmen, zeigt uns das Abbild und somit erfüllt es einen künstlerischen Aspekt, den der Bewusstmachung. Die visuelle Übermittlung einer Botschaft, die für den Künstler wie für den Betrachter besondere Intensität erreicht. Eine subjektive Entdeckungsreise über das Dargestellte im künstlerischen Foto, beginnt. Anders als bei Urlaubsfotos von den reichhaltigen Buffet in Fünf-Sterne-Restaurants, den Rezeptvorschlägen auf Verpackungen oder den Abbildungen auf Tiefkühlkost Verpackungen bzw. Serviervorschlägen haben die Arbeiten von Schulenberg einen unmittelbaren und authentischen Aufforderungscharakter, sich mit der Nahrung, die wir für unser Existieren aufnehmen müssen, aus einander zu setzen.

Zum Schluss möchte ich noch zwei Arbeiten erwähnen, die in besonderer Weise geeignet sind, gestalterisch-kompositorische Prinzipen zu erkennen: „Rübensirup auf Toastscheiben“ und „Tintenfische“. Der Sirup gefällt sich in seiner unendlichen Vielfallt der zufälligen Gestaltung und der flexible Tintenfisch ist bereit, die Form einzunehmen, die das Gefäß, in das er gelegt wird, hat. Bevor ich Ihnen eine spannende Erlebnistour durch unsere Nahrungsmittel wünsche, darf ich auf eine weitere Begabung des Künstlers hinweisen: er war nicht nur ein ideenreicher, kreativer Kopf und präziser Beobachter seiner Umwelt sondern er war auch mit Humor und Sprachwitz ausgestattet, wie diese Bilder neben mir, leider unverkäuflich zeigen.
Zitat:
„Der Schinkenschuh hat unverhohlen
Auf Dauer viel zu dünne Sohlen
Man trägt ihn selten nur zum Sport
Und nach zwei Bissen ist er fort“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünschen Ihnen einen erkenntnisreichen Rundgang und einen angenehmen Sonntag.
Essen, 13.02.2012 Uje Fenger, Galerie AUF